Rudi Martinus van Dijk: "Kreiten's Passion" |
Nichts hat Deutschland und die_Deutschen derart einschneidend
geprägt wie die nationalsozialistische Diktatur. Als Folgen von
Hitlers menschenverachtender Willkürherrschaft kamen Krieg,
Holocaust und unfassbares Leid in die Welt. Diese Vergangenheit
ist ein für alle Deutschen gleichermaßen verpflichtendes Erbe. In
seiner berühmten Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes betonte
der damalige deutsche Bundespräsident Richard von Weizsäker die
herausragende Bedeutung von bewusster Erinnerung. Erinnern
heiße, so von Weizsäker am 8. Mai 1985, "eines Geschehens so
ehrlich und rein zu gedenken, dass es zu einem Teil des eiqenen
Innern wird". Unabhägig davon, "ob schuldiq oder nicht, ob alt
oder jung", müsse jeder Deutsche diese Vergangenheit annehmen,
und nicht zuletzt verwies der Bundespräsident auf eine oft zitierte
jüdische Weisheit, die von der Erinnerung als "Geheimnis der
Erlösung" kündet.
Zu den wichtigen Formen solcher bewusst machenden Erinnerungsarbeit
zählt ohne Frage die künstlerische Reflexion - und das gilt
insbesondere, wenn nationale Grenzen überschritten, wenn Dialoge
eingeleitet werden. In den Niederlanden wäre beispielsweise die
erschütternde Anne Frank Contoto ("A Child Of Liqht") von Hans
Kox (1984) zu nennen. Heute, rund zwanzig Jahre später, ist ein
neues Denkmal gelebter Erinnerung entstanden, und zwar in
Kooperation zwischen einem niederländischen Komponisten und
einem Autor aus Deutschland. Im Februar 2003 hat der in England
lebende Komponist Rudi Martinus van Dijk ein großes Werk für
Bariton, Chor und Orchester vollendet. Kreiten's Passion ist ein
Kompositionsauftrag der Düsseldorfer Symphoniker, Thema die
tragische Lebensgeschichte des deutschen Pianisten Karlrobert
Kreiten.
Der 1916 in Bonn geborene und in Düsseldorf aufgewachsene
Künstler zeigte schon früh eine herausragende pianistische Bega-
bung. Er studierte in Köln und Wien, um schließlich zu Claudio
Arrau nach Berlin zu gehen. Im März 1943 äußerte Kreiten in pri-
vatem Kreis schwere Bedenken gegenüber Hitler und bezeichnete
den Krieg als praktisch verloren. Kreiten wurde denunziert, verhaf-
tet und schließlich am 7. September l943 hingerichtet.
Zu den engagierten Kennern, die seit Jahrzehnten die Erinnerung
an Kreiten pflegen, zählt der Düsseldorfer Theaterwissenschaftler
und Autor Heinrich Riemenschneider. Schon Ende der siebziger
Jahre begab er sich auf Spurensuche nach Karlrobert Kreiten, und
sein vielfältiges Wissen floss schließlich in sein Theaterstück Der
Fall Karlrobert K. (1983). Doch Riemenschneider wünschte sich
auch eine musikalische Umsetzung der historischen Materie, allein
fehlte es ihm an einem geeigneten Komponisten.
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